Sobald ein KI-Agent in einem Geschäftsprozess handelt, braucht er dieselben Spielregeln wie ein Sachbearbeiter. Er braucht eine Rolle mit klarer Freigabegrenze und ein Protokoll, das ein Prüfer lesen kann. Unternehmen mit einem gepflegten Berechtigungskonzept im ECM haben dafür mehr Vorarbeit geleistet, als sie vermutlich annehmen.
Der SAP-Berater Andreas Krieg empfiehlt im Computerwoche-Interview vom 20. Oktober 2026 zu SAPs Autonomous Enterprise, Agenten „im Idealfall“ mit den gleichen Rollen und Berechtigungen arbeiten zu lassen wie die Mitarbeiter, die dieselbe Aufgabe erledigen. Ein Limit für Bestellfreigaben genügt ihm dabei nicht. Es muss auch festlegen, für welche Produkte oder Produktgruppen es gilt. Arbeiten mehrere Agenten zusammen, müssen die Grenzen bei der Übergabe erhalten bleiben. Die Funktionen, die SAP dafür vorsieht, sind nach seiner Einschätzung noch nicht vollständig. Die Verantwortung bleibt beim Unternehmen, und die Governance gehört an den Projektanfang.
Das Interview ist in meinem Beitrag zu Agenten im Rechnungseingang schon einmal vorgekommen. Der Gedanke reicht aber über die Buchhaltung hinaus.
Was das ECM dafür schon kennt
Freigabegrenzen sind im Dokumentenmanagement ein altes Thema. Rechnungsfreigabe-Workflows arbeiten seit Jahrzehnten mit Betragsgrenzen je Kostenstelle, mit dem Vier-Augen-Prinzip und mit Vertretungsregeln. Akten haben Vertraulichkeitsstufen, Rollen bestimmen, wer lesen, ändern oder freigeben darf. Für einen Agenten lässt sich vieles davon übernehmen.
| Regel | Beim Sachbearbeiter | Beim Agenten |
|---|---|---|
| Rolle | Stellenbeschreibung und Gruppenzugehörigkeit | Eigene Identität mit Rolle oder delegierte Rechte eines Nutzers |
| Freigabegrenze | Betrag je Kostenstelle, Vier-Augen-Prinzip | Betrag und Gegenstand, darüber Übergabe an einen Menschen |
| Übergabe | Weiterleitung im Workflow | Übergabe an einen anderen Agenten, ohne dass sich Rechte addieren |
| Protokoll | Workflow-Historie | Jede Aktion mit Agent, Zeitpunkt und Grundlage |
| Entzug | Austritt, Abteilungswechsel | Abschalten, Rollenänderung, neue Version des Agenten |
Wo gewachsene Rechte zum Problem werden
Ein Mensch mit zu weiten Rechten ignoriert meist, was ihn nicht betrifft. Ein Agent nutzt, was er erreichen kann, wenn die Aufgabe danach verlangt, und im schlechtesten Fall, wenn ein präpariertes Dokument danach verlangt. Gewachsene Berechtigungen mit Sammelgruppen und vergessenen Freigaben fallen deshalb bei Agenten schneller auf als bei Menschen. Das Problem kennt jeder, der eine KI-Suche über Unternehmensunterlagen eingeführt hat.
Dazu kommt die Frage, mit wessen Identität der Agent handelt. Ein technisches Konto mit umfassenden Rechten ist schnell eingerichtet und schwer zu prüfen. Eine eigene Rolle für den Agenten oder ein delegierter Zugriff mit den Rechten des auftraggebenden Nutzers lassen sich im Protokoll nachvollziehen. Krieg weist darauf hin, dass gerade Prüfer in der Finanzbuchhaltung ein sauber eingerichtetes Rollenmodell brauchen, um zu sehen, welcher Agent wann was entschieden hat.
Was ich heute zuerst klären würde
Vor dem ersten agentischen Prozess würde ich das bestehende Berechtigungskonzept gegen die tatsächliche Organisation prüfen. Danach würde ich für jeden Agenten wie für eine neue Stelle festlegen, welche Akten er lesen darf, bis zu welcher Grenze er selbst entscheidet und an wen er darüber hinaus abgibt.
Ein Unternehmen mit einem gepflegten Rollenmodell im ECM, dessen Freigabestufen zur gelebten Organisation passen, bringt damit einen guten Teil der Vorarbeit für agentische Prozesse schon mit.